Der Sperrmüll
Irgendwie hab ich ja schon allmählich das Gefühl, die Kuriositäten verfolgen mich. In letzter Zeit ist mir eigentlich gar nicht mal sooo viel Aussergewöhnliches passiert, von daher dachte ich auch vergangenen Mittwoch nichts Schlimmes, als ich in meinen Keller ging, um Sperrmüll nach draussen zu stellen. Um in den Keller zu gelangen muss man aus dem Haus raus und am Gehweg eine Klappe öffnen, unter der dann fünf Stufen zur Kellertüre führen. Da ich vor einiger Zeit renoviert hatte, hab ich ca. 25 m² Dielenbretter dort liegen gehabt, gespickt mit 100er Nägeln. Da mir mein Nachbar versichert hatte, dass die Bretter auch tatsächlich mitgenommen werden wenn ich alle Nägel entfernen und die Länge von zwei Metern nicht überschreiten würde, dachte ich mir “Ach, machste Dir die Arbeit, dann haste wenigstens wieder Platz”. Nebenbei sei angemerkt, dass der liebe und netter Herr Nachbar bis vor einem Jahr bei eben dieser Müllabfuhr gearbeitet hat, die bei uns den Müll holt.
Also ging ich nach der Arbeit frohen Mutes mit Werkzeug und Kettensäge bewaffnet in den Keller und begann zunächst damit die ganze Scheiße in der Mitte durchzusägen. Danach fummelte ich fast drei Stunden alle Nägel aus diesen dämlichen Brettern. Zwischendurch kam mir mehrmals der Gedanke einfach 5,00 € für ein paar Liter Benzin zu investieren, das ganze in den Keller zu kippen und dann die Bretter sozusagen “vor Ort” abzufackeln. Konnte mich dann aber doch noch beherrschen.
Nachdem cirka Dreiviertel der Bretter “entnagelt” waren, sah ich aus der Türe, wie direkt vor mein Kellerloch ein grüner Bus fuhr und stehen blieb. Da ich mit dem Holz nicht mehr raus kam, ging ich nach draussen um dem Fahrer zu sagen, er solle doch bitte fünf Meter weiter fahren. Also rausgekrabbelt und erst mal geschaut woher der Kerl den kommt. Oha, ein polnisches Nummerschild, also mal sehen was da noch kommt. Mich beschlich schon so ein eigenartiges Gefühl. Der Fahrer war so Mittezwanzig und ich sagte ihm wirklich freundlich er solle bitte ein paar Meter weiterfahren. Als Antwort bekam ich dann ein kurzes “Ich nix versteh’n!” und er guckte mich ratlos an. Also dachte ich mir, versuchste es mal mit der Hand-und-Fuß-Sprache frei nach dem Motto “Du da fahre weiter, mache Brummbrumm, Auto, Du versteh’n?” Irgendwie fruchtete das aber leider auch nicht denn der Junge sagte wieder “Ich nix versteh’n!”, dreht sich um und ging zu dem Berg Sperrmüll, der schon am Straßenrand lag. Offensichtlich war auch er ein Sperrmülltourist, der hier den Krempel einlädt und in Polen vertickt. Mir war das gleich und ich dachte mir, “Scheiß was drauf, der haut eh gleich wieder ab. Machste halt ‘ne Pause.” Eben diese Entscheidung wäre fast fatal ausgeartet.
Ich ging ins Haus, weil ich meine Zigaretten holen wollte. Wieder draußen steckte ich mir eine Kippe an und wunderte mich, da der Bus noch stand, der Pole offenbar aber vom Erdboden verschluckt wurde. Ich machte mich auf den Weg zum Keller, ging die Stufen nach unten und siehe da, ich war nicht alleine. Kollege Polska stand wild in meinen Sachen wühlend in meinem Keller. So, nun stellt Euch das einfach mal vor. Man denkt an nichts Schlimmes und tadaaaa: Steht ein Pole in Eurem Keller! Da fragt sich der gemeine mündige Bundesbürger “Was tun?”. Als der Herr mich dann wahrgenommen hat, konnte er plötzlich fließend deutsch und erklärte mir, dass er dachte das alles sei sicherlich Sperrmüll. Ja, alles klar, mein Fahrrad, Lautsprecher, Werkzeug, alles Sperrmüll! Ich fragte ihn, ob er denn meine, ich sei dümmer, als er aussehe, was ihn jedoch dann offenbar in seinem Verständnis überfordert hatte. Auf meine lautstarke Aufforderung sich aus dem Staub zu machen, hatte er doch noch die Dreistheit mir “Einen Moment noch!” zu entgegnen.
Ich habe dann die etwas unkonventionelle Methode gewählt ihn zum Gehen zu überzeugen, sicherlich nicht ganz so toll, aber im Endeffekt doch von Erfolg gekrönt. Laut fluchend rannte er dann in seinen grünen Bus und fuhr mit quietschenden Reifen weiter. Ich machte die Bretter fertig und warf den ganzen Rotz auf einen Haufen. Fest davon überzeugt wieder Platz zu haben und der Meinung die viele Arbeit und der Ärger habe sich rentiert, ging ich abends schlafen.
Am Donnerstag Nachmittag kam ich von der Arbeit nach Hause und wurde von meinen türkischen Nachbarn am Fenster bereits lautstark mit “Mach den Scheiß da weg!”, “Sauerrei!” und “Ihr Deutschen seid dreckiger, als wir Türken” empfangen. Der Grund für das Gejohle lag vor meinem Keller. Dort lag JEDES BRETT genau so, wie ich es zum Abholen rausgelegt hatte. Nichts, aber auch gar nichts wurde von dem Holz mitgenommen.
Hier ist jetzt der Punkt wo wir noch einmal auf oben angesprochenen Nachbarn der mal bei der Müllabfuhr gearbeitet hatte, zu sprechen kommen. Der kam nämlich gleich zu mir, stemmte die Hände in seinen Pizzabauch und grummelte mit dummem Grinsen “Ja, das wußte ich gleich, dass die das Holz nicht mitnehmen, das muss zum Bauschuttplatz”. Seit dem habe ich einen Ruhepuls von 280 und werde beim nächsten Mal die Bude anzünden und umziehen, da spare ich mir dieses Drama.
Na ja, man lernt niemals aus und ich weiß, dass mich irgendein Schicksal zu verfolgen scheint….
Foto: © SXC

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