Die Realität im Wohnzimmer
Kaum hat man zu Ende „getalkt“ stehen schon sämtliche Richter und deren Anwälte Gewehr bei Fuß. Sie sind bereit dem Durchschnittsbürger die Realität der Paragraphenwelt nahe zu bringen. Hierzu passend bleibt das Kriminologenfeeling des Zuschauers erst einmal noch etwas erhalten, es folgen die Ermittler im Einsatz. Da zuviel Adrenalin nicht gut für den Körper des Menschen ist, zeigt man dann zur Erholung sozusagen, wie wenig man eigentlich bisher in seinem Leben erreicht hat. Ja, es muß so sein, denn die vielen Gucci-Tussen, die noch nie einen Finger gekrümmt haben, um zu arbeiten, die haben es ja gepackt, das muß einfach so sein, daß man selbst versagt hat, in der Flimmerkiste sieht man es doch.
Doch jetzt wird es Zeit die Richtung erneut zu ändern, es bringt ja keinem was, wenn der Zuschauer aus Depression durch das eigene Mißlingen aus dem Fenster hopst. Also auf zur Heiterkeit. So helfen wir gemeinsam doch gerne den netten Damen und Herren einen neuen Super-Duper-Mega-Weltstar zu finden. Na der wird sich aber auch ein Loch in den Strumpf freuen, wenn man als miteifernder Starerkenner zum glorreichen Sieg verhilft. Na ja, der eine Anruf, das tut doch nicht weh und die werden da sicherlich auch nicht reich. Aber bevor man die paar Cent bejammern kann, zeigt man besser gleich auf einem anderen Kanal, wie hart und problemreich so ein kleines Menschenleben sein kann, zumindest wenn man in einem Container eingesperrt ist. Übel, die armen Menschlein da drinnen – einfach fürchterlich. Auch hier unterstützen wir doch mal gerne.
Ein kleiner Anruf genügt ja schon und wir sind mitten drin dabei. Aber rufen wir nun für „ja“ an oder doch lieber für „nein“ oder gar am Ende für „vielleicht“? Na warum kann man da aber nicht auch für „Meine-Fresse-ich-kann-mich-nicht-entscheiden“ anrufen? Egal, aufgepaßt, es kommen die Gewinnspiele, also Telefon in die Hand und fleißig mitraten. Dieses Mal muß man anrufen und ein Tier nennen, das mit „Pf“ anfängt und mit „erd“ aufhört. Schwierig, schwierig, aber immerhin winken ja auch neunzig geile Geldpakete, also ran an den Hörer. Oh, Halt, der Countdown läuft, noch 5…4…3…2….1 JETZT RUF ICH AN! Ha, fast, die Sirene geht, aber gleich wird es soweit sein, gleich bin ich dran und gewinne diese geilen Geldpakete. Argh, nun sind schon zwanzig Leitungen zum Gewinn berechtigt, da muß ich doch gewinnen…
Was sich liest wie eine üble Aufbereitung eines Schizophrenen-Tagebuches, ist eigentlich nichts weiter, als der tägliche TV-Horror, dem wir ausgesetzt werden. Übertrieben? Gewiß nicht! Da, wo vor einigen Jahren noch Donald Duck durch die Medienlandschaft wackelte, schlagen nun starrsichtige mit überdimensional großen Augen bestückte Japanerkinder mit Schwertern um sich und treiben ihr Unwesen auf sogenannten „Kinderkanälen“. An sprechende Megamonster haben wir uns ja auch gewöhnt, also warum dann nicht auch an die stupsnasigen Horrorzwerge aus Fernost?
Und mal ehrlich, Frau Salesch und ihre männlichen Berufskollegen zeigen doch auch nur was draußen in der bösen Welt passiert. Sieht man von der teilweise grottenschlechten schauspielerischen Leistung mal ab, sind die besten Teilnehmer der Sendung meist im Publikum zu finden – denn die sind still. Ja, wir leben aber auch in einer Welt die so kriminell ist, sogar so kriminell daß man daraus doch glatt wieder Kapital schlagen kann, na wenn das mal nicht fein ist.
Und die jungen und leichtbekleideten Damen, deren Schulbildung aus den ersten vier Jahren Grundschule bestand, die müssen doch auch irgendwie zu Geld kommen, da ist es doch in Ordnung sich mit einer Gesicht wie ein Pfannkuchen halb nackt vor die Kamera zu stellen und jeden Abend 4.500 Mal „Weiter! Ihr habt’s gleich! Holt euch die geilen Geldpakete! Der Nächste! Und weiter, der Nächste!“ zu brüllen bis der Kehlkopf glüht.
Für alle, die damit nichts anfangen können haben wir aber auch noch einen Leckerbissen: Was tun wenn einen die eigene Frau schon durch deren bloße Existenz auf den Senkel geht? Klar doch, wir machen mal eben einen Frauentausch. Genial gelöst, so kommt frischer Wind in die Bude und die eigene Mutti kann bei der Gelegenheit mal in die Kamera erzählen, daß doch alle anderen Frauen kacke sind und dreckig, nur man selbst ist der direkte Nachkomme von Eva – unschuldig und perfekt!
Doch es bleiben Alternativen. Es gibt ja nicht umsonst Musikkanäle. Da ist alles noch wie es immer war. Möchtegern-Gangster mit Hosen, in die eine ganze Familie passen würde humpeln mit dicken Goldketten wie die frischgeborenen Äffchen durchs Bild und stammeln irgendwas von ihrer Straße, ihrer Gang und ihrer Sechs in Deutsch. Natürlich wird dabei feste untermalt, daß man einer von „ganz unten“ ist. Man verheimlicht dabei aber besser, daß man von dem Geld das die dummen für eine CD ausgeben den eigenen Lebensstil so richtig ausbauen kann, man wäre ja sonst auch nicht mehr glaubwürdig.
Ist es nicht herrlich, so ein Tag vor der Glotze? Man sieht die Realität ohne auf die Straße zu gehen, das nenne ich doch mal Zukunft! Wenn die Kinder größer werden und die japanischen Rundbirnen nicht mehr sehen wollen, kann man ihnen ja dann auch immer noch Counter Strike kaufen und sie in ihrem Kinderzimmer einschließen. Pünktlich zum Amoklauf-Hochschulkurs werden sie da schon wieder rauskommen.
Für alle die sich hier vielleicht über die teilweise bewußt überspitzte Formulierung aufregen sei gesagt, schaut euren Kindern auch mal beim Spielen genau zu, schaut sie euch an, nicht nur kurz sondern intensiv. Viele werden sich wundern, wie schnell Kinder Gewohnheiten oder Arten aufnehmen und verinnerlichen, die sie durch Film und Fernsehen und idiotisches Spielzeug vorgesetzt bekommen wie die Maus den Speck. Laßt Eure Kinder auch mal Kinder sein und nicht nur geduldeter Gast in der eigenen Wohnung. Gebt ihnen die Gelegenheit sich einzubringen, eigene Ideen und Kreativität zu entwickeln, Neugier und Wissensdrang zu erlangen. Ein Experimentierkasten ist vielleicht manchmal besser als die Playstation, klar, doof, nur daß man da ja was mitmachen muß und die Zwerge nicht einfach mal ein Wochenende davor deponieren kann.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie in meiner Kindheit die Medienlandschaft und das Spielzeugland gestrickt waren. Auch damals gab es Videospiele und solche Dinge, aber es waren hinter den Spielen und dem angebotenen Spielzeug noch Ideen, statt nur immer das selbe leidige Thema: GEWALT!. Wir sind ja mittlerweile soweit, daß wir Gewalt gutheißen – wenn, ja wenn sie denn von den „Guten“ ausgeübt wird. Krank ist das, einfach nur noch krank!
Packt die Gesellschaftsspiele aus, laßt euch mal darauf ein andere Wege zu erproben, altbewährtes wieder auszukramen. Beginnt diese kapitalistische Ausbeutung auf Kosten der Kinder abzulehnen, geht neue Wege, habt mal Mut.
Hier muß ich nun aufhören, ich bin gerade kurz vor dem Altersruhesitz beim „Spiel des Lebens“ und – nebenbei leise angemerkt: Ich habe in den letzten eineinhalb Stunden mehr gelacht als in den vergangenen zwei Wochen.
Ihr seid dran!

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