Integration und sonst nichts!
Wir integrieren, was das Zeug hält. In den letzten Monaten ist in Deutschland ein regelrechtes neues Hobby bei den sogenannten „Experten“ und bei denen, die es gerne wären, entstanden. Es wird ja nun wirklich fast keine Sparte davor verschont auf Integrationsfunktionen und deren Bedeutung geprüft zu werden. Vor einiger Zeit war eine Debatte entbrannt, in der es um das „Islamische Wort“ ging, ein Pendant zu dem bekannten „Wort zum Sonntag“, welches im Gegensatz zum islamischen Wort, im Fernsehen ausgestrahlt wird. Das osmanische Duplikat hingegen soll „nur“ über das Internet verbreitet werden. Verbreiten will dies der Südwestrundfunk (SWR) ab April 2007.
Dies ist aber nur ein Beispiel, wie ernst doch mittlerweile das Thema „Integration“ genommen wird. Für meine Begriffe allerdings wird es zu sehr thematisiert. Ein weiterer Hinweis für den Enthusiasmus, den so manch einer an den Tag legt, war heute den Schlagzeilen aus Tutzing zu entnehmen. Dort waren diese Tage die „Tutzinger Medientage“ das Ereignis schlechthin. Natürlich darf bei einer solch „wichtigen“ Veranstaltung ein treffendes Motto nicht fehlen und so stand die Veranstaltung unter dem Banner „Ganz nah, ganz fremd? – Migration, Integration und Fernsehen“. Michael Mangold, seines Zeichens Leiter des Instituts für Medien und Wirtschaft (ZKM) in Karlsruhe, nutze diese Plattform daher auch um mal so richtig den ausgestreckten Zeigefinger gen Himmel zu recken.
Südwestrundfunk
- Rundfunkanstalt des öffentlichen Rechts für die Bundesländer Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg.
- Intendanz und Verwaltungsdirektion mit Sitz in Stuttgart. Die Fernseh- und Hörfunkdirektion ist in Baden-Baden angesiedet. Die jeweiligen Landessender befinden sich in Stuttgart und Mainz.
- 1998 aus der Fusion des Süddeutschen Rundfunks (SDR) und des Südwestfunks (SWF) hervorgegangen. Der Südwestfunk selbst ging 1948 aus dem Radio Koblenz und dem Sender der französischen Militärregierung Südwest-Funk hervor.
Mangold war auch bei der Erschaffung der „Bundesinitiative Integration und Fernsehen“ vor zwei Jahren beteiligt. Dieser selbsternannte Integrationspapst polterte daher auch gleich mal ordentlich los. Mangold sieht ein Problem in der Tatsache, daß beispielsweise Jugendliche oder junge Erwachsene mit türkischer Staatsangehörigkeit in der Fernsehlandschaft nur ein Randgruppendasein fristen. Konkret äußerte er sich, daß die Darstellung eines Türken, der Gemüse oder Döner verkaufe, in einer TV-Serie bereits vorhandene Klischees bestätigt. Mangold ist ja kein Dummer, daher hat er auch einen perfekten Lösungsvorschlag in petto und läßt die Öffentlichkeit an diesem gerne teilhaben. Er will „Ingenieure mit türkischer oder arabischer Herkunft im deutschen Fernsehen“ haben. Er unterstrich noch einmal, wie wichtig so etwas sei.
Soweit die Tatsachen. Doch ich frage mich ernsthaft ob es denn wirklich notwendig ist, diesem Thema so extrem viel Beachtung und Arbeitseifer zu widmen. Haben wir denn alle anderen Probleme bereits gelöst? Haben wir schon die Perfektion schlechthin in den Medien, insbesondere im Fernsehen, erreicht? Seltsam nur, daß wir nicht mehr über Gewalt im Fernsehen reden oder den Jugendschutz im deutschen Fernsehen auf den Prüfstand stellen. Seltsam auch, daß wir auch nur eine Bevölkerungsschicht in Deutschland auserkoren haben, mehr Öffentlichkeitsinteresse zu erhalten. Oder gibt es keine Russen, Rußlanddeutsche, Polen, Albaner, Italiener mehr in unserem Land? Oder gehören diese vielleicht dem Bevölkerungsanteil an, der blind ist oder über kein Empfangsgerät verfügt? Ja, der Ton wird zynischer, ganz recht und es wird noch schärfer.
Schaut man sich einmal unser Programm im deutschen Fernsehen an (näheres hierzu auch im Beitrag „Die Realität im Wohnzimmer“), so sollte man recht schnell feststellen, daß es wesentlich wichtigere Themen gibt, die es dringend erfordern sich damit auseinanderzusetzen. Aber offensichtlich ist es dann doch bequemer unsere Kinder mit sämtlichem Müll voll zu dröhnen und weiterhin Filme auszustrahlen, die alles andere als gewaltlos sind. Ein sehr gutes Beispiel für einen solchen Film findet man bei dem mittlerweile etwas betagten aber dennoch keineswegs minder gewalttätigen Film „Natural Born Killers“. Wenn ich mir dann ansehen, was derzeit in den Kinos läuft oder lief, so bleibt nur zu hoffen, daß es Filme wie „Saw“, „Hostel“ oder „The Texas Chainsaw Massacre“ niemals in das deutsche Fernsehen schaffen werden.
Eine Untermauerung dieser Aussage findet sich in dem Ergebnis einer Langzeitstudie der Universität von Michigan, die bereits 2003 veröffentlicht wurde und zum Schluß kommt, daß Kinder, die viel Gewalt im Fernsehen erleben, zu sehr hoher Wahrscheinlichkeit als Erwachsene sichtlich aggressiver sind als andere Kinder. Die These, daß man die Filme nur zu späten Sendezeiten ausstrahlt zieht hierbei reichlich wenig, da zum Ersten immer das getan wird, was offensichtlich verboten aber dennoch frei zugänglich ist, zum Anderen aber die Verantwortlichkeit hier ganz klar abgegeben wird und man sich schon einmal pro forma die weiße Weste anzieht. Klar, wäre auch ungünstig wenn neben Killerspielen plötzlich auch gewaltverherrlichende Spielfilme im Repertoire eines Amokläufers auftauchen.
Doch nehmen wir einmal an, Herr Mangold hat Erfolg. Wie würde das denn dann aussehen? Vielleicht ja dann in zynischer Form so:
Am Nachmittag verhandelt Richter Onur Yilmaz vor dem Strafgericht den Fall eines Currywurstbudenbesitzers, der wegen Körperverletzung angeklagt ist. Nicht viel später kann man auf einem anderen Kanal die Talkshow „Aishe“ sehen – Thema diesmal: Sollte man Sauerkraut verbieten? Wen das alles langweilt, der kann ja beim Glücksrad mitraten und sich imaginär ein Ö oder ein Ü kaufen. Natürlich bleibt das leibliche Wohl nicht auf der Strecke und Mustafa Glögulu zeigt uns in seiner Sendung „Ich Koch, Du nix!“, wie man seine Ehefrau denn am Besten in der Küche verankert. Zu Mitternacht gibt es dann als Tagesabschluß noch das „Neuste vom Barte des Propheten“ und die Vorschau auf die morgige Folge von „Güte Zeitün, schlüchte Zeitün“. Ach so, für die Nachtschwärmer gibt es natürlich noch Spielshows in denen man per Anruf von einem sauteueren Mobiltelefon einen tiefergelegten Dreier BMW gewinnen kann.
Zynisch und sarkastisch genug? Wo wir stehen muß man da nicht extra noch einmal erwähnen, wenn man sieht mit welchen Dingen sich manche Menschen befassen und beschäftigen. Da bleibt mir nur ein alter Spruch meines Ausbildungsmeisters „Junge, schade für die Zeit!“.
Foto: © Südwestrundfunk

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