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Die Dekadenz feiert Jubiläum

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28.03.2007, 18:40 Uhr

Gestern, vor genau hundert Jahren eröffnete das “Kaufhaus des Westens” (KaDeWe) in der Tauentzienstraße zu Berlin-Schöneberg. Und natürlich benötigt das Haus der Superlative, auch eine Huldigung der Superlative. Eine Aufgabe, wie für den gemeinen Pöbel geschaffen. Betitelungen wie “Kathedrale des Konsums”, “Symbol des Wirtschaftswunder” oder gar “Tempel der Begierde” sind da nur Spitze des Eisbergs. Auch der Direktor des KaDeWe, Patrice Wagner, verkündet ganz ungeniert: “Wir sind die Demokratisierung des Luxus.” Gleichzeitig stellte das KaDeWe für die Zukunft den Anspruch, die Avantgarde der Warenhäuser sein zu wollen.

Was wären wir jetzt bitte für Unmenschen, hätten wir zu diesem Jubiläum nicht auch passende Superlativen gefunden? Bei allem fehlenden Respekt: Auch wir wollen der Dekadenz kurz vorm Untergang einen Preis verleihen und das KaDeWe hochleben lassen. Schließlich hat der Inbegriff der Konsumverblödung das erreicht, was in dieser Gesellschaft ein – vermeintlich – erstrebenswertes Gut ist. Allem voran die Schaffung einer zweifelhaften Wertigkeit, die sich selbst mit egozentrischem Materialismus untermauert und Trottel in die selbsternannte Elite erhebt, die es verlernt haben sich selbst zu steuern. Genau jene Konsumenten sind es, denen das Wohl des Volkes und des Landes nur so lange interessiert, so lange es ihrem überschwenglichen Warenkonsum nicht schadet. Wo kämen wir auch hin, täte die Pelzkrawatte nicht zum Tuskulum im Schwarzwald passen?

Und während die mißgünstige Mittelschicht sich bei IKEA mit der Frage quält, ob ARILD in Weiß fürs Wohnzimmer nicht vielleicht doch zu hell ist und die Kinder Flecken machen könnten, muß sich die selbsternannte Elite mit der Frage quälen, ob der Frau Gemahlin auch sechs Austern zum Verzehr genügen und eine passable Grundlage bieten. Schließlich möchte man keinesfalls als geizig gelten. Was täte es denn bitte für einen Eindruck machen, wenn die mit klunkerbehängte Angetraute im Haus der Superlative nicht mit Superlativen heraussticht? Ein Umstand, der untragbar wäre – gerade hier in der Feinschmeckeretage. Doch die moralischen Entscheidungsträger einer untergehenden Kultur wußten sich seit eh und je zu helfen. Und so lange die Gemahlin der Frage nachgehen muß, welches Haute Couture ihr Dekolleté am besten zur Geltung bringt, gibt die Konkurrenz innerhalb des Establishments vielleicht Aufschluß über die passende Wahl.

Irgendwann am Ende des Tages, hat dann auch die moralische Instanz zu hohem Rosse, die Fragen des Lebens geklärt und kann sich vorm zu Bett gehen, den neuen Badepelzmantel überstreifen und den Unsinn des Materialismus genießen. Nur um darüber hinwegzutäuschen, daß sich die Elite nicht im Konsum und schon gar nicht im Kapitalismus manifestieren läßt. Wobei es fragwürdig ist, ob diese Feststellung in grenzloser Konsumverblödung der selbsternannten moralischen Überbleibsel jemals getroffen wird. Was bleibt ist eine treffende Formulierung irgendeiner Gazette: “Das KaDeWe hat Geschichte.” Sehr schön! Einstmals ist es dann Geschichte! Bis dahin kann das Jubiläum jedoch geistig anspruchslos mit einem edlen 1958er Chateau Petrus genossen werden. Man gönnt sich ja sonst nichts…

Foto: © PHOTOCASE

(Steven)

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