Wir heucheln um die Wette
Treffender könnte man meiner Meinung nach eine Überschrift für dieses Thema gar nicht formulieren. Doch lassen wir das Eigenlob einmal beiseite und beschränken uns auf das Wesentliche. Schon alleine die Suche nach eben diesem Wesentlichen ist schwierig genug, in dem Getümmel von selbstverherrlichenden Hilfsnachrichten und Unterstützungs- angeboten verschiedener Prominenter oder Politiker.
Klar ist, Afrika muß geholfen werden! Unklar ist, warum sollen das wir bewerkstelligen? “Ja wenn das jeder so sagen würde”, wäre ein zu erwartender Einwand, aber selbst dann, was wäre den anderen oder uns Deutschen denn dann vorzuwerfen? Unterlassene Hilfeleistung für ein Land, das in Hunger, Not und Elend versinkt, während wir…. ja, während es uns gut geht? Während wir wie die Made im Speck leben? Während wir alle ein Dach über dem Kopf und ein warmes Essen im Bauch haben? Also das dürfte dann aber ein anderes Land und nicht Deutschland sein, denn hier ist mir das so nicht geläufig und da ich nicht glaube sehr weltfremd zu sein, dürfte dies auch zutreffen. Also noch einmal zurück zur Frage. Sollen wir helfen, weil es uns nicht schlechter geht als den Menschen in Afrika?
Nun, das ist freilich immer die Sicht des Betrachters, die hier das Zünglein an der Waage ist. Aber ich glaube es macht nur wenig Unterschied, ob nun in Deutschland ein Mensch ohne soziale Unterstützung auf der Strasse lebt und sein Essen im Müll zusammensuchen muß, oder ob in Afrika ein Mensch auf der Strasse lebt und auch nichts zu Essen bekommt. Oha, ich vernehme förmlich den Aufschrei, der gerade eben durch zahlreiche Wohn- und Arbeitszimmer geht: “Helga, lies dir mal durch was dieser Typ für Sachen schreibt, das ist ja regelrecht pervers!” – so oder so ähnlich stelle ich mir so manche Reaktion auf meinen eben aufgeführten Vergleich vor. Doch was wirklich pervers ist und das ist offensichtlich, ist die Scheinmoral, zu meinen sich um in anderen Ländern lebende Menschen mehr und intensiver kümmern zu müssen, als um das eigene Volk, die eigenen Bürger hier vor Ort, hier im eigenen Land.
Aber seit Kriegsende ist das irgendwie wohl regelrecht zur politischen Volkssportart gewuchert, sich erst einmal einen Dreck um das eigene Land zu scheren, aber gleichzeitig mit erhobenem Finger zu zeigen, daß wir Deutschen, denen es doch so unglaublich gut geht, gefälligst auch anderen helfen sollen (vor allem denen, die vor über sechzig Jahren auch “Besuch” von uns Deutschen hatten…). Es ist wohl auch um einiges leichter sich dafür einzusetzen, daß Millionen Euro ins Ausland gewuchtet werden, da man dort nicht hautnah miterleben muß, ob und wenn ja, in welcher Form das Geld dort ankommt und wie damit im einzelnen den Menschen über den Tag hinweg geholfen wird.
Das ist ja eine der brennenden Fragen, die aber auch kaum jemand zu stellen wagt. Können die Menschen, die von den von reichen Industrienationen geschickten Fernsehteams gefilmt wurden, mit dem Geld das kommt, sofort mehr essen? Können diese Menschen sofort eine Wohnung bekommen? Werden diese Menschen sofort operiert? Ich behaupte einmal ganz frech, ganz so einfach kann es nicht sein, da viel Gelder in Projekte gesteckt werden, die – wenngleich auch sinnvolle, wie Krankenhäuser – nicht als Sofortmaßnahme gelten können. Die Menschen, die wir gestern in den Nachrichten hungernd sahen, werden also dennoch wahrscheinlich nicht so lange leben, wie wir uns das mit unserer geheuchelten Humanitätsidentität in Gedanken erschaffen haben.
Aber Moment! Vielleicht ist es ja auch einfach nur zu wenig was wir für Afrika leisten? Also mal sehen, was hätten wir denn da im Angebot? Da wären einmal die 180.000 Jugendlichen in Deutschland, die für den Verein “Aktion Tagwerk” einen Tag lang unter dem Motto “Dein Tag für Afrika”, statt die Schule, einen Arbeitsplatz besuchen und das dort verdiente Geld (geschätzte 1,5 Millionen Euro) für Kinder in Afrika spenden. Dann hätten wir noch den Kurs, der spätestens seit dem G8-Gipfel jeden hellhörig machen sollte, in dem Kanzlerin Merkel sich dahingehend äußerte, daß man das Volk auf eine größere und intensivere Afrikahilfe einstellen müsse.
Die größte Klatschzeitschrift ließ jüngst Afrikaaktivist Bob Geldorf sogar die Zeitung für einen Tag lang leiten. Das Ergebnis war auf der Titelseite kaum zu übersehen, über zehn Mal tauchte in den Artikeln das Thema Afrika auf, am Ende immer mit derselben Botschaft: SPENDET! Einer unserer großen Popstars darf da natürlich nicht fehlen, und so ist Herbert Grönemeyer unter anderem Mitinitiator von “Deine Stimme gegen Armut!”. Daneben gibt es zahlreiche Projekte, Veranstaltungen und eine Gala nach der nächsten, deren Erlöse fleißig ins Körbchen der Afrikasammler wandern. Nun gut, soll es jeder handhaben, wie er oder sie möchte, solange es aber in Afrika neben Hunger, Not, Elend und Aids auch noch Korruption in großem Stil gibt, ist es zu überlegen, ob man mit einer Spende wirklich das erreicht, was man gerne möchte.
Für die großen Helfer und die vielen tausend unterstützenden Menschen auf Veranstaltungen oder Konzerten sollte man sich nicht schämen, gewiß nicht, es ist ja auch hoch anzurechnen, daß unser Volk nicht mit Scheuklappen durch die Welt marschiert. Aber um Afrika zu weinen und dafür Gelder zu sammeln, dann aber statt beispielsweise Bananen aus dem fairen Handel in einem dieser kleinen Läden zu kaufen, doch lieber fleißig die Billigprodukte aus dem Supermarkt um die Ecke zu holen, das ist etwas wofür ich mich schämen würde. Wenn schon Afrika – dann aber richtig, nicht wahr?
Das Ganze kann ich nur mit sehr kritischen Blicken verfolgen und weiß jetzt schon, daß ich auch in diesem Jahr meine Unterstützung national-angesiedelten Projekten zukommen lassen werde. Denn ich will dem Obdachlosen, der in der Fußgängerzone sitzt und Angst vor dem nächsten Winter hat, bei einer Spende nicht mit hochrotem Kopf in die Augen sehen, weil ich weiß der Afrikaner am Ende der Welt, den ich niemals sehen oder kennenlernen werde, zu dem ich keinerlei Bezug habe, hat mehr bekommen, als die Menschen vor meiner eigenen Haustüre.
In diesem Sinne: Viel Spaß beim nächsten Obst-, Gemüse- und Kaffeeeinkauf.
Foto: © SXC


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