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“Guten Tag, die Welt ist am Ende”


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10.07.2007, 19:32 Uhr

“Guten Tag, die Welt ist am Ende”“Hallo, unsere Namen sind Brinkm*** und We***, wir möchten uns gerne mit ihnen darüber unterhalten, ob Gott der Schöpfer denn diese Welt wirklich so gewollt hat, wie sie nun geworden ist”, schallte es aus der Türsprechanlage heute gegen fünfzehn Uhr. Hmmm, nun, da ich vorgestern auf einer Rolle gelber Säcke auf der Treppe ausgerutscht war und nun diese Woche zu Hause mit Salbenverbänden auf dem Sofa verbringen muß, war ich sowieso von Langeweile geprägt. Also was soll’s? Die Schachtel Zigaretten eingepackt, ein Feuerzeug und hab dann fröhlich zurückgeträllert: “Aber gerne meine Damen, ich eile zu ihnen!”

Ein leichtes Schmunzeln kam schon über mich, als ich mich auf den Weg machte und nebenbei noch ein paar Aprikosen aus dem Kühlschrank einsteckte. Wenn das Lachen nur nicht so verdammt weh tun würde…

Als ich die Türe öffnete, wurde ich im ersten Moment ein wenig enttäuscht. Mutter Natur hatte wohl doch mehr als nur einen schlechten Tag, aber gut, man kann sich ja seinen Körper nicht aussuchen. Frau Brinkm*** war beim Anblick eines nackten Männeroberkörpers wohl ein wenig überfordert, da ihr als sie mich ansah ein quietschendes “Waaaah!” entfuhr. “Alles in Ordnung mit ihnen?” war meine zugegeben recht scheinheilige Frage, worauf sie mir zu verstehen gab, es sei doch sehr frisch und ich sollte mir etwas überziehen, damit ich nicht krank werde. “Waaaaaaaaaaaaas? Ich soll mir etwas “überziehen”? Also erst was von Gott erzählen und dann doch pimpern wollen”, schoß es mir durch den Kopf, aber dieser Gedanke war zu abstrus, also konnte sie nur meinen ich sollte ein Hemd anziehen. Naja, ich wollte die beiden nicht verjagen also bin ich eben wieder rein und zog mir was “über”, während ich zuvor Frau We*** meine Aprikosen in die Hand drückte.

Frisch bekleidet stand ich dann vor den beiden Damen, die mir bisher noch nicht erzählten von welcher Sekte sie eigentlich geschickt wurden, war mir aber auch egal, der Spaß zählt ja bekanntlich. Frau We*** fragte mich ob ich denn die Aprikosen wieder haben möchte, woraufhin ich ihr erklärte, daß das nicht gehe, da meine Religion es mir verbietet, Lebensmittel, die ich anderen gegeben habe, wieder an mich zu nehmen. “Sehr interessant”, murmelte sie während sie das Obst in die graue Handtasche stopfte. Im Allgemeinen waren die beiden nicht unbedingt Trendsetter, was die Klamottenwahl angeht, hätten aber auf den ersten Blick ebenso gut irgendwelche militanten Weiber aus einer Frauengruppe sein können.

Also, zurück zum Thema. “Ich glaube Gott wollte diese Welt sicherlich nicht so wie sie nun ist. Ich persönlich vertrete die Meinung, daß Gott selbst ein Sklave seiner verworrenen Phantasien gewesen sein muß. Sehr wahrscheinlich war er in einer Paranoia gefangen, die durch seine schizophrenen Zweige und den Anblick des total mißglückten Gebildes “Mensch” erst richtig zum Ausbruch kam. Daher sehen sie bereits wie eindeutig diese Welt gar nicht gewollt sein kann.” Das war wohl dann doch zu viel in zu kurzer Zeit für beide. Daher kam auch prompt die aussagebezogene Frage: “Kennen sie denn eigentlich die Bibel?”

Nun, das sollte entweder eine erbärmliche Anmache sein oder eine Fangfrage. Ich entschied mich für letzteres und entgegnetet: “Bibel? Natürlich werde ich das Werk meines Urgroßvaters kennen. Sie scheinen sich im Übrigen nicht ganz im Klaren zu sein, daß eigentlich sie die Unwissenden sind, und nicht ich, der ihnen hier in Gestalt eines Menschen zu gegen sein scheint.” - “Wollen sie uns eigentlich verarschen?” war die logische Schlußfolgerung der Aprikosenfrau. Hmm, eigentlich lag mir so was ja fern, aber andererseits war es auch eine gute Idee, nicht wahr? Also weiter im Text: “Nein, ich bin einfach von meiner Religion und der Anschauung meiner Welt überzeugt.” Frau Brinkm*** zog nervös eine Zigarette aus der Tasche und zündete sie sich an.

Die Lage schien eigentlich schon fast wieder langweilig zu werden, als ich aus dem Augenwinkel auf der anderen Straßenseite unseren Stadtpolizisten erkennen konnte und mir da dann noch die Rettung der Situation einfiel. Daher unterbrach ich den Versuch mir zu erklären, daß Gott der wahre Schöpfer und auch ich ein Lamm seiner Gunst sei, mit einem etwas lauteren Ausruf: “NEIN! ICH BEFÜRWORTE DEN HEILIGEN KRIEG NICHT UND ICH FINDE AUCH NICHT DASS MENSCHLICHE OPFER DER WILLE GOTTES SIND.”

Wer eins und eins zusammenzählen kann, weiß ja in etwa was nun kam. Vier total überforderte Augen blickten gen meine Richtung und ich mußte mir das Grinsen stark verkneifen, als der Polizist zu meiner Haustüre kam. Was nun folgte war meines Erachtens Filmreif. Zunächst wollte der Herr in grün wissen, ob denn alles in Ordnung sei, was die beiden Damen bejahten, ich aber verneinte. Ich erklärte ihm kurz, daß ich von den beiden über Sinn und Nutzen des heiligen Krieges auf deutschem Boden aufgeklärt worden sei, was mich zunehmend jedoch verängstigte. Der Polizist (man sollte erwähnen, daß er nicht gerade der allerhellste ist) fragte daher gleich einmal nach den Personalien der beiden Damen und wollte wohl zeigen, daß man auch in einer solch kleinen Stadt zum Vollstreckungshelden avancieren kann. Also entschuldigte er sich bei mir für die Unannehmlichkeiten, die mir durch den Damenbesuch entstanden sind und nahm die beiden mit zu seinem Wagen.

Mir blieb nur noch die Tatsache, daß Lachen sehr, sehr schmerzen kann, wenn man verletzt ist und daß die Zeit und die Aprikosen ein wohlwollendes Opfer gegen Langeweile sein können. Ich freue mich jedenfalls immer wieder auf unangemeldeten Besuch.

(Markus)



2 Kommentare zu ““Guten Tag, die Welt ist am Ende””

  • 1
    Tom GERMANY


    spitze junge, lange nicht so gelacht

  • 2
    Friktor GERMANY


    Ein toller Artikel - mit leider ernstem Hintergrund. Ich hab mich selten so amüsiert. Markus, in diesem Stil würde ich gern noch mehr von dir lesen. Bitte weiter so!
    Friktor

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