Der Herr wird’s schon richten
Ich bin katholisch erzogen. Nun ja, man sollte vielmehr sagen, man hat versucht mich in einem “christlichen Glauben” zu erziehen. Ich ging als Kind brav jeden Sonnabend mit Oma und Opa in die Kirche. War schon so was wie ein Stück Tradition, wobei ich ja auch keine Wahl hatte. Später ging es dann zur Kommunion und danach wieder zur Firmung. Soweit waren dann auch alle kirchlich-christlichen Pflichthandlungen abgeschlossen. So im Alter von ungefähr vierzehn Jahren begann ich jedoch die Dinge zu hinterfragen.
Die Pubertät hatte sich daher ja geradezu angeboten das auch gleich mal mit zu machen. Meine Erkenntnis, religionsmündig zu sein, stellte ich alsbald auch auf die Probe, in dem ich der Familie stolz verkündete, daß ich keine Lust mehr habe, in die Kirche zu gehen, da ich mit dem Gerede dort einfach nichts anfangen kann. Ich merkte schnell, daß es keine gute Idee war dies verkünden, denn der Druck seitens der Familie war zu groß. Also ging es weithin “brav” zur Kirche. Mit dem Alter von sechzehn war das aber dann endgültig vorbei und ich konnte mich von dieser eigenartigen “Tradition” endlich lösen.
Soweit die Vergangenheit. Kehren wir in die Gegenwart zurück. Am vergangenen Sonnabend war ich wieder einmal in der Kirche, da ein Gedenkgottesdienst für ein Familienmitglied gehalten wurde. Einer der wenigen Tage, wo ich mir sage, daß es außer Frage steht, mit meiner Anwesenheit den Verstorbenen zu ehren, wohl angemerkt, daß es nicht um die kirchliche Gestaltung geht, sondern um das Gesamte.
Ich bemühte mich, der Predigt und den Erzählungen des Pfarrers zu folgen. Was folgte war eine stetig ansteigende Wut über das Gerede des Geistlichen. Da steht er oben auf seinem Posten wie der allmächtige Vater in Person, gekleidet in einem Gewand mit grünen und goldenen Ornamenten und schart um sich herum Ministranten, die mit ihren grün-weißen Gewändern aussahen, wie eine Jugendoffensive der Polizei, die sich in die Kirche eingeschlichen hat. Mein Blick schweifte durch die Kirche, über den Altar, die vielen Kerzenständer und all diese Dinge. Wohin man sah, erkannte man Gold, Gold und nochmals Gold. Prunk und Protz blitzten von überall her. Die Kirche versteckt die Gier und das Bestehen auf Wohlstand und Reichtum nicht, das wurde mir einmal mehr klar.
Der Pfarrer redete vom “ewigen Frieden” und der “Auferstehung” unserer Verstorbenen. Er erzählte mit geschwollener Stimme, wie wichtig der Herr dort oben denn sei, und daß er uns leite wenn wir nur an ihn glauben.
So, so, die Auferstehung also! Wo zum Henker sind denn unsere verstorbenen Mütter und Väter, die bestatteten Brüder und Schwestern, Großväter und Großmütter? Sie liegen zwei Meter und der Erde in einer Holzkiste begraben. Niemals wird auch nur ein Teil zu uns zurückkehren. Kein Herr aus dem Himmel wird die Schmerzen, die dadurch verursacht werden, nehmen oder mildern. Jeder Besuch auf dem Friedhof gleicht einer Qual, stets den Gedanken mit sich, daß ja alles anders und leichter wäre, würde ich an Gott glauben. Wäre es das? Mitnichten, ich habe selbst genug Angehörige zu Grabe getragen und erlebt wie es ist, wenn geliebte Menschen einem in den Armen wegsterben. Danach kam dann immer wieder das Gesülze von Erlösung und Heimkehr. Heimkehr wohin? In den Himmel? Drauf gepfiffen, es mildert den Schmerz nicht, aber dennoch lockt es die Menschen wie irrlaufende Kinder in die Hallen der Kirche.
Die Kirche propagiert seit Jahrzehnten immer wieder dasselbe. Die Scharen der Menschheit finden Erlösung und Halt in dem Glauben an Jesus und Gott. Eine Ketzerei wer dies in Frage stellt. Dennoch muß es hinterfragt werden. Was steckt hinter dem Gebilde “Kirche”? Ich bezeichne sie immer wieder gerne als teuerste, legale Sekte der Welt.
Der Glaube an Dinge mag in vielerlei Hinsicht Menschen durch schwere Zeiten helfen, Menschen trösten, aber dies ist kein Glaube, es ist Augenwischerei der modernsten Sorte. Ich muß jedem vergeben, ich muß meine Sünden anerkennen. Muß ich das? Wozu? Lasse ich mir ein Gewissen aufdiktieren, welches auf Wundern und einem alten Buch mit zweifelhaften Geschichten beruht? Lasse ich mir meine Welt erschaffen, die mir vorgibt, wie ich wann zu handeln habe? Kann ich nicht selbst bestimmen, wann ich Sühne und Reue zeigen und fühlen will?
Der Pfarrer lehrte mir, daß ein Tod auch Erlösung bedeute und der Mensch ja nicht “weg” sei, da er ja im ewigen Reich weiterlebe. Der Herr hat seine Gründe, warum er manche Menschen früher und manche später zu sich ruft. Er alleine hat wohl das Recht und die Macht zu bestimmen, wann unser aller Zeitpunkt gekommen ist. Der Herr hat soviel Macht, er schickt seine Jünger in die Welt, um uns zu bekehren, zu bekehren zum echten und gerechten Glauben.
Die Kirche hat wesentlich mehr Macht und Einfluß auf Dinge und das Geschehen der Gesellschaft, als viele wahr haben wollen. Dennoch sind die Kirchenhallen leer. Der “U-Boot-Christ” taucht zu Ostern, zu Pfingsten oder zur Weihnachtszeit fein gestriegelt auf, warum weiß kaum einer genau. Ist es, weil “man” das halt mal so macht und weil es sich “gehört”? Was passiert denn an solchen Tagen? Ein erzogenes und schlechtes Gewissen wird zu Tage befördert. Nicht selten, daß an solchen Tagen auch die Geldbörse locker sitzt, als huldigt man einer Institution mit Geld, reichlich Geld. Freilich wird eben jenes Geld nicht gerade primär innerhalb des Landes angebracht, vielmehr fließt es sehr oft in Dritte Welt Ländern.
Der Kindergarten, die Schule und andere Einrichtungen, die unsere Kinder von klein auf begleiten, sind wieder und wieder auf die Kirche ausgelegt und die Kinder haben kaum eine Wahl, sich davon zu lösen, geschweige denn Entscheidungen zu treffen, ohne in gesellschaftlichem Ansehen zu verlieren. Man stelle sich vor, ein Kind in einem katholischen Kindergarten ist nicht in der Kirche. Wenn das Kind überhaupt aufgenommen wird, wird es von Grund auf mit Argus Augen beobachtet. Das ist beileibe keine Vermutung sondern beruht vielmehr auf eigenen Erfahrungen. Der Gipfel lag damals darin, daß Fehlverhalten und familiäre Probleme der vierköpfigen Familie in dem Fehlen des christlichen Glaubens erörtert wurden. Ein Wahnsinn der offenbar keine Grenzen kennt.
Nun denn, vielleicht gibt es das ewige Reich dort oben tatsächlich und vielleicht gibt es einen Gott, der dort wacht, so wie er in der Bibel, in der Kirche und von zahlreichen Geistlichen gelehrt und gepriesen wird. Doch wenn es so sei, dann werde ich ihn eines Tages treffen und hier unten wird man es erkennen, denn es wird der Tag sein, an dem sich der gesamte Himmel rot färben wird. Amen!


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