Igitt, Verantwortung!
20.10.2007, 23:53 Uhr
Gestern die Terroristen, heute freilich die Jugend. Zumindest diesbezüglich braucht schon mal keiner befürchten, daß es den einzelnen Organen der Bananenrepublik an Gründen für die Beschneidung sämtlicher Grundrechte mangelt. Da wird überwacht, zensiert, enddemokratisiert und massenweise Öl ins Feuer gekippt nur um dem letzten Konsumtrottel das eigenständige Denken abzunehmen, was er wohl zwischen Medienverblödung und Spaßgesellschaft ohnehin schon verloren hat.
Und weil Gruppenbestrafung schon in so manchem 68er-Camp ‘ne geile Sache war, ist dies die einzig passable Möglichkeit für Recht und Ordnung in den weiten des Datennetzes zu sorgen. So auch beim Dienstanbieter Arcor: Nachdem das Landgericht Frankfurt (Az. 2-06 O 477/07) am gestrigen Freitag der einstweiligen Verfügung der Kirchberg Logistik GmbH stattgegeben hat, muß der Diensteanbieter aus dem hessischen Eschborn die Sperre für die Seite “Youporn” erneut einrichten. Nach Angaben eines Sprechers von Arcor sei die Einrichtung der Sperre noch nicht erfolgt, da der Beschluß derzeit noch nicht vorliege. Zudem sind die Einzelheiten zur technischen Umsetzung unklar, da man mit Sicherheit nicht erneut in das Fettnäpfchen treten möchte.
Gründe für die neuerliche Anordnung einer Sperrung ist die fehlende Altersverifikation bei Youporn. Immerhin habe sich die Kirchberg Logistik GmbH, selbst Anbieter von Naturfilmen, große Mühe gegeben, den Zutritt nur für zahlungskräftige Kunden jenseits der achtzehn Lenze bereit zu stellen. Da kann es nicht angehen, daß Jugendliche und die umworbene Klientel gratis auf Youporn Naturfilme gucken - und das Mithilfe eines DSL-Zugangs von Arcor. Mario Brunow, Geschäftsführer der Video Buster Gruppe, ein weiteres “Geschäftsfeld” der Kirchberg Logistik GmbH, erklärte zur Klage: “Der Wettbewerber Youporn verschafft sich mittels Rechtsbruch einen enormen Vorteil gegenüber uns. Und Arcor hilft dabei.”
Spätestens jetzt sollte klar sein, worum es jenen Klägern wirklich ging. Nicht um Jugendschutz, und auch nicht um die verbreiteten Inhalte im gesamten Datennetz. Hier fand jemand die Möglichkeit, wie man sich die Konkurrenz vom Leibe hält. Schließlich ist der Betreiber von Youporn aufgrund eines Anonymisierungsdienstes, welcher die Domain registrierte, nicht greifbar. Zur Wahl stehen dann nur die Endverbraucher, die man aber keinesfalls vergraulen möchte, oder aber die jeweiligen Diensteanbieter für Zugänge zum weltweiten Datennetz.
Ob es an der Feierabendlaune der ehrenwerten Richterschaft lag, daß so ein Urteil zustande kam, möchte ich nicht beurteilen. Gleichfalls sollte aber jedem Verfechter von Zensur bewußt sein, daß solche Urteile - gerade im weltweiten Netz - für eine gegenteilige Reaktion sorgen, als ursprünglich angedacht. Bei Youporn wird man sich über den Besucheransturm freuen, denn bis dato wird die Seite nicht vielen bekannt gewesen sein, was sich Dank der Werbekampagne aber geändert hat.
Was mich an der Sache massiv stört, ist weniger, daß hier eine Schmuddelseite gesperrt werden soll. Sondern vielmehr, wie man hier kapitalen Interessen unter dem Deckmantel des Jugendschutzes hinterherhetzt. Es ist einfach plumpe Heuchelei auf der einen Seite eine wasserdichte Alterszertifizierung schaffen zu wollen, nur damit kein Jugendlicher auf die strittige Seite - von der es Abertausende gibt - zugreifen kann, während zur “Prime-Time” im öffentlichen Fernsehen das Abschlachten anderer Menschen neu erfunden wird. Da prüft kein Mensch, ob der 16-jährige Tim Mustermann auch ja um 22:15 Uhr im Bett ist und dem Hinweis “Diese Sendung ist für Zuschauer unter 18 Jahre nicht geeignet” folge leistet.
Richtig, spätestens dann sind die Eltern gefragt. Genauso wie sie beim Abruf derartiger Seiten durch ihre Schützlinge gefragt sein sollten. Seiten wie Youporn gibt es seit mehr als einem Jahrzehnt frei zugänglich für jede Person jeden Alters. Zeigen sich selbsternannte Medienpädagogen, Jugendschutzwächter und Richter nicht imstande für Kontrollmöglichkeiten zu sorgen, haben sie an der Stelle kläglich versagt und sind ihren Pflichten nicht nachgekommen. In einem geordneten System würden derartige Amtsträger in Zukunft Akten im Archiv sortieren und keine Urteile fällen oder Indizierungen vornehmen.
Foto: © SXC

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