Wenn nichts mehr geht – Amoklauf!
Ganze vierzehn Tage ist es nun her, als in der südfinnischen Stadt Tuusula ein achtzehnjähriger Schüler bei seinem Amoklauf in der Jokela High School acht Menschen tötete und sich anschließend selbst richtete. Der Schüler Pekka-Eric Auvinen erlag einen Tag nach seinem Massaker in der Schule seinen schweren Verletzungen. Besser so, mag man da nun denken, aber „besser“ wäre nur die Vereitelung bzw. das „Nichtstattfinden“ dieser Bluttat gewesen.
Wieder einmal mehr stellt sich zumindest ein Teil der interessierten Welt die Frage nach dem Warum. Schon kurz nach Bekanntwerden der Tat wurde veröffentlicht, daß auch dieser Schüler die Filmplattform Youtube unter dem Pseudonym „Sturmgeist89“ nutzte, um seinen perfiden Plänen in Form von bewegten Bildern Ausdruck und damit auch Gesicht zu verleihen. Der letzte Film, den er ins Datennetz stellte und von dem auch behauptet wurde, es kündige den Amoklauf regelrecht an, zeigte den Jungen von der Seite, die wohl in ihm seit Jahren ruhte und immer mehr zur Oberfläche drängte.
Die Möchtegernpsychologen aller Länder lassen es sich natürlich nicht nehmen und analysieren klar und deutlich, weshalb es denn hier oder auch anderswo immer wieder zu Amokläufen junger Menschen kommt und kam. Da ist die Rede von einer „logischen Schlußfolgerung“ sehe man sich die PISA-Studien an oder auch die Selbstbestätigung in Sachen gewaltverherrlichende Computerspiele. Auvinen jedoch war Klassenprimus. Fraglich, ob es denn tatsächlich die geistige Leistungsfähigkeit war, die ihn zu dieser Tat verleitete.
Viele Fragen werden gestellt. Meist die gleichen – wieder und wieder. Doch wer stellt denn ernsthaft die Frage, wie es überhaupt möglich ist, daß ein achtzehn Jahre junger Mensch an eine 22-Millimeter-Automatikpistole mit zahlreicher Munition kommt? Wer stellt denn ernsthaft in Frage, warum es beispielsweise gerade in Finnland derzeit cirka 38.000 Jugendliche gibt, die einen Waffenschein besitzen? Ist es denn für heutige Verhältnisse „normal“ sich als halbes Kind bewaffnen zu müssen? Wogegen denn? Gegen die verrohende Gesellschaft? Gegen den stetig wachsenden Imperialismus oder doch gegen schlichtweg alle?
Auch die Bundesrepublik ist in diesem Jahr nicht von Plänen dieserart gefeilt. Vergangene Woche wurde bekannt, daß zwei Kölner Schüler (17 und 18 Jahre alt) einen Amoklauf an deren Schule planten. Sie hatten unter anderem zwei Armbrüste und “ungefährliche” Softair-Waffen sowie eine angefertigte Liste mit verhaßten Mitschülern und Lehrern. Nachdem der jüngere auf seiner Netzseite Bilder vom Columbine-Massaker veröffentlicht hatte, informierten Schüler die Lehrer und dieser wiederum die Polizei, die den Schüler zum Verhör vorlud. Nach dem dieser aber glaubhaft versicherte, daß er die Bilder wieder entfernen würde und damit nur zur Diskussion anregen wollte, wurde er nach Hause entlassen. Auf dem Heimweg warf der Junge sich vor eine Straßenbahn und verstarb noch am Unfallort.
Der Schulkollege, mit dem er den Amoklauf geplant hatte, wurde von der Polizei festgenommen, jedoch wieder auf freien Fuß gesetzt, da er bekräftigte, daß das geplante Massaker nicht stattfinden sollte. Er selbst habe die Armbrustpfeile wieder zurückgefordert. Daraufhin habe der gestorbene Schüler geäußert, er wolle die Tat nicht alleine begehen. Endgültige Details werden wohl erst im Laufe der Woche bekannt gegeben. Auch hier steht bereits jetzt fest, daß es kein sonderlich auffälliges Verhalten gegeben hat, das darauf schließen ließe, daß sich so etwas anbahnen würde. Der Tattag wurde auf den ersten Jahrestag des Amoklaufs von Emsdetten 2006 gelegt.
Offensichtlich werden unsere Kinder und Jugendlichen mit der stetig schneller wachsenden sozialen und gesellschaftlichen Anforderungssymptomatik einfach immer weniger fertig. Sie stürzen sich in gedankliche Märtyrerszenarien, die ihnen als die Erlösung aus den seelischen Qualen erscheinen. Die helfende Hand scheint hier weit entfernt zu sein. Doch wen wundert es denn nun wirklich? Familien leben am Existenzminimum, leben in Angst die eigenen Kinder nicht erwartungsgemäß großziehen zu können, leben in Angst um den Arbeitsplatz und, und, und. Die Zeit sich für die eigenen Kinder zu interessieren und sich mit ihnen und deren Problemen, die oft auch noch so bedeutungslos und als jugendliche Kinderkrankheiten beziffert werden, sie ist faktisch nicht mehr vorhanden. Die Schule, die Möglichkeit hier auf Schüler näher einzugehen ist ja schon ähnlich wie im bundesdeutschen Gesundheitssystem, bei dem die Patienten auch auf den Gängen und Fluren liegen und nach und nach seelisch aufs Abstellgleis gelegt werden, auch wenn sie körperlich behandelt werden.
Der SPIEGEL veröffentlichte in seiner Netzausgabe jüngst eine Chronik von Schulmassakern der letzten Jahre. Ein erschreckendes Dokument, welches doch einem jeden Sorgen bereiten sollte.
Foto: © SXC

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